Pressespiegel
Tageszeitung Köln, 01.02.2001
Selbstbestimmtes Wohnen
Obdachlose bauen in Ossendorf eigene Siedlung
Köln taz Unterschiedlicher konnten Bauprojekte nicht sein: auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne Klerken in Köln-Ossendorf entstehen derzeit Wohnungen und Büroparks. Aber eine der Baustellen sieht anders aus als die anderen. Mehrere Bau- und Wohnwagen stehen herum, dazwischen Gemüsegärten, Kompostanlagen, Kaninchenställe und Bauschutt aus dem Inneren der alten Kaserne – es sieht aus wie auf einem Abenteuerspielplatz. Hier errichtet sich die Obdachlosen-Selbsthile-Initiative „Bauen-Wohnen-Arbeiten e.V." 46 Wohnungen.
Die Initiative, in der sich verschiedenen Vereine der Obdachlosenhilfe und ehemalige Betroffene zusammengeschlossen haben, will die Ausgrenzung wohnungsloser Menschen überwinden, indem sie dauerhafte Beschäftigung und Wohnraum schafft. Am besten beides in einem, dachte sich ihr Initiator und Geschäftsführer Walter Neumann. Mit Geldern aus dem Landestopf für zukunftsweisende Bauvorhaben und einem Bankdarlehen wurde das Areal erworben, das nun in Eigenregie umgebaut wird: 35 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen entstehen in der alten Kaserne und elf in einem angrenzenden Neubau. Während der Bauarbeiten leben die Mitlerweile 23 Mitglieder der Initiative alle ehemals obdachlos in Bauwagen und versorgen sich selbst. Dazu betreiben sie eine eigene Kantine, eine Wäscherei, mehrere Werkstätten, Nutzgärten, Kleintierhaltung und Materialrecycling.
Erfahrungen als Bauarbeiter hatten sie vorher nicht. Sie lernen „on the job". Lediglich für Spezialarbeiten wie die Rohfassung des Neubaus werden externe Baufirmen engagiert. Deren Mitarbeiter bringen den Initiativlern jeweils bei, was gerade gebraucht wird. Auf diese Weise deckt die Initiative 20 Prozent der rund sieben Millionen Mark Baukosten durch Eigenarbeit.
Im Laufe des nächsten Jahres sollen die Bauarbeiten beendet werden, aber so genau planen lässt sich das nicht. Stromausfälle oder Materialengpässe und das selbstbestimmte Arbeitstempo zwingen zur Geduld.
„Das wichtigste ist, dass alle Leute noch dabei sind", sagt Neumann, der schon einige Initiativen hat scheitern sehen. Irene Hansen-Kaul, pädagogische Betreuerin der Initiative, erklärt sich das so: „Die Leute bauen ihre eigene Wohnung. Es ist ihr Projekt und sie sehen sich in der Lage, aus ihrem Schlammassel heraus zu kommen". Entscheidend ist, dass das Projekt auch nach der Bauphase weitergeht. Die Mitarbeiter werden hier wohnen und in den internen Betrieben weiter arbeiten. Sei es in den Werkstätten oder dem Selbstversorgungsbereich. Die Kaserne soll zum Treffpunkt und zur Selbsthilfestelle der Obdachlosenszene Kölns werden. „So etwas fehlt, seit die Treffs in der Stadt zerschlagen worden sind", meint Oliver, einer der ersten, die einen Bauwagen neben der Kaserne bezogen.
Über fünf Jahre hatte er zwischen „der Platte" und Wohnungen von Freunden gependelt. „Viele von uns hätten als Mieter in einem normalen Mietshaus große Schwierigkeiten. Hier können wir nach unseren eigenen Vorstellungen leben", so der 28 Jahre alte ehemalige Grafiker.
Am letzten Donnerstag wurde das Richtfest gefeiert. In der ausgeschlachteten Kaserne herrschte Partystimmung bei Schnittchen und Bier – und aus den Lautsprechern schallte Frank Sinatra: „I did it my way".
ROBER